vhs-Landesverband: Wie kam es dazu, dass die vhs in Wesel einen EOK speziell für Senior*innen anbietet?
Cristina Falck, Romy Ruiz: Dieser spezielle Kurs erhöht die Teilhabechance einer oft übersehenen Zielgruppe, nämlich die der älteren Zugewanderten.
Erfahrungen zeigen, dass Seniorinnen und Senioren in gemischten Kursen oft untergehen. Ein eigenes Angebot schafft den passenden Raum für ihre Lernbedürfnisse. Eine entspannte Lernatmosphäre – ohne Leistungsdruck und Prüfungsangst – erleichtert die regelmäßige Anwesenheit und sorgt für eine hohe Motivation der Teilnehmenden.
Kursleiterin Romy Ruiz und Cristina Falck, Fachbereichsleiterin für Deutsch als Zweitsprache an der vhs. (Foto: vhs)
Entscheidend sind eine ruhige Lernumgebung, alltagsnahe Themen und genügend Zeit für Wiederholungen. Viele von ihnen lernen langsamer und benötigen Orientierung und Sprachkompetenz in spezifischen Fragen, beispielsweise zur ärztlichen Versorgung oder zur richtigen Dosierung von Medikamenten.
vhs-Landesverband: Inwieweit unterscheiden sich die Kursinhalte?
Cristina Falck, Romy Ruiz: Wenn es um das Leben in Deutschland geht, interessieren sich jüngere Zugewanderte vor allem für Fragen rund um das Schulsystem, die Anerkennung von Berufs- oder Studienabschlüssen, für Digitalisierung und den Zugang zum Arbeitsmarkt. Den Älteren geht es mehr um Gesundheitsfragen, um finanzielle Absicherung im Alter, um Mobilität und um Orientierung im unmittelbaren Wohnumfeld. Der EOK kann mit seinem modularen Aufbau auf diese Interessen eingehen. Er soll ältere Zugewanderte darin unterstützen, ihren Alltag selbstständig und sicher zu bewältigen.
vhs-Landesverband: Lernen Senioren anders?
Cristina Falck, Romy Ruiz: Erfahrungsgemäß lernen Senioren strukturiert und stark erfahrungsbasiert. Sie verknüpfen Neues mit vorhandenen Lebens- und Berufserfahrungen, besonders dann, wenn die Inhalte alltagsbezogen sind. Abstrakte Grammatikregeln hingegen sind zweitrangig; die sprachliche Handlungsfähigkeit im Alltag rückt bei dieser Altersgruppe eher in den Fokus. Senior*innen lernen motivierter, wenn man ihnen ihr eigenes, ruhigeres Lerntempo mit vielen Wiederholungen gewährt. Ein auf die Altersgruppe abgestimmter Kurs steigert die Lernmotivation. Ein Beleg dafür sind die hohen Anwesenheitsquoten.
vhs-Landesverband: Was sind besondere Herausforderungen, was macht besonders viel Freude?
Romy Ruiz: Die Teilnehmenden haben unterschiedliche Bildungshintergründe und Lernerfahrungen: Einige haben einen Universitätsabschluss oder einen vergleichbaren Berufsabschluss sowie jahrelange Berufserfahrung, andere wiederum nur wenig formale Schulbildung. Daher muss der Unterricht sehr ausgewogen sein, mit vielen Wiederholungen und sehr viel Geduld. Die sprachlichen Hürden des Alltags belasten viele Senior*innen.
Negative Nachrichten aus ihren Heimatländern (hier speziell aus der Ukraine) belasten die Teilnehmenden emotional. Erschwerend kommen ungleiche gesundheitliche Voraussetzungen hinzu. In unserem Kurs haben wir Teilnehmende mit Hörproblemen und eine nicht zu unterschätzende Zahl an Senior*innen mit starken Sehbeeinträchtigungen, die zum Lesen der Texte eine Lupe benutzen.
Einige Teilnehmende sind auf Rollatoren angewiesen. Für Exkursionen, wie sie im EOK ausdrücklich erwünscht sind, wählen wir daher Ziele in der näheren Umgebung. Außerdem ermüden manche Teilnehmenden schnell und benötigen öfters kleine Pausen – auch um Medikamente einzunehmen.
Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung sind digitale Hürden, mit denen die meisten Senior*innen konfrontiert sind. Der Einsatz digitaler Lernmedien muss daher niederschwellig gestaltet werden. Dennoch ist die Arbeit mit vhs-Lernportal für unsere Teilnehmenden ein Ansporn. Wir nutzen dazu unsere Smartboard-Tafel.
Die zahlreichen Erfolgserlebnisse erhöhen die Motivation, regelmäßig am Kurs teilzunehmen. Kleine Alltagserfolge wie ein Gespräch im Supermarkt oder in der Apotheke ohne fremde Hilfe, führen den Teilnehmenden ihre Lernfortschritte vor Augen. Gerade für Ältere ist das sehr befriedigend.
Unser Kurs ist geprägt von einer starken sozialen Verbundenheit und einer unterstützenden Atmosphäre: Die Teilnehmenden greifen sich gegenseitig unter die Arme. Und auch die Hausaufgaben werden oft in Kleingruppen gemeinsam erledigt. Die Teilnehmenden kommen sehr regelmäßig zum Unterricht, sind bestens vorbereitet und sehr engagiert. Ihre Verlässlichkeit und ihr Humor machen diesen Kurs zu einer besonderen Lernveranstaltung.
vhs-Landesverband: Würden Sie anderen Volkshochschulen das Format empfehlen?
Cristina Falck, Romy Ruiz: Ein eindeutiges Ja. In Sozialräumen, in denen ältere Zugewanderte überdurchschnittlich repräsentiert sind, kann ein solch speziell zugeschnittener EOK das Integrationsangebot der vhs sinnvoll erweitern. Für Senior*innen bietet er den passenden Rahmen, um ihrem Lernbedarf gerecht zu werden. Und auch die Einrichtung profitiert. Denn motivierte Teilnehmende schaffen eine angenehme Lernatmosphäre, was wiederum die gesamte Kursgruppe stabilisiert – ein positiver Effekt für alle Beteiligten.

