Romy Ruiz ist eine erfahrene Dozentin. Seit Jahren leitet die Erwachsenenpädagogin Deutschkurse bis zum höchsten Sprachniveu C2, das laut dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER) nah an die Kompetenzen von Herkunftssprachlern heranreicht. In Wesel und Schermbeck gibt sie aktuell insgesamt zwei Erstorientierungskurse für Neuzugewanderte. Der Bund hat dieses Format 2017 eingeführt, damit insbesondere Schutzsuchende schnell erste Deutschkenntnisse erwerben können. Der Kurs umfasst 300 Unterrichtsstunden. Im Vordergrund stehen Sprachkenntnisse für den Alltag – für den Einkauf oder den Besuch beim Arzt. Gleichzeitig geht es darum, öffentliche Anlaufstellen kennenzulernen, den Busfahrplan zu verstehen oder unterschiedliche behördliche Zuständigkeiten zu durchschauen.
Langsames Lerntempo, längere Pausen
Dieser primär für Senior*innen umgesetzte EOK ist der erste seiner Art an einer vhs in NRW. Er entstand auf Anfrage der örtlichen Flüchtlingshilfe Anfang 2025. Die Mitarbeitenden dort betreuten seinerzeit auch einige ältere Menschen aus der Ukraine, für die ein Integrationskurs nicht das passende Format gewesen wäre. Cristina Falck, Fachbereichsleiterin für Deutsch als Zweitsprache an der vhs, reagierte schnell: Im Februar 2025 startete ein spezieller Deutschkurs für Ältere. Das Lerntempo ist deutlich langsamer als im Integrationskurs üblich. Die Unterrichtszeiten sind an die Bedürfnisse der Teilnehmenden angepasst. Unter anderem gibt es mehr und längere Pausen und viel Verständnis für altersbedingte Einschränkungen. Seit Sommer 2025 kann die vhs den Kurs mit Bundesmitteln als EOK fortführen.
Die älteste Teilnehmerin ist 92 Jahre alt – eine ausgebildete Ingenieurin für Robotik aus Kiew. Sie kam von sich aus in die vhs und fragte nach einem Deutschkurs. „Sie sagte, das Lernen müsse ja weitergehen“, erzählt Cristina Falck voller Hochachtung und fügt hinzu: „Es sind solche Momente, die mich tragen.“ Romy Ruiz sagt über diesen EOK: „Das sind mit die motiviertesten Kursteilnehmenden, die ich in meiner gesamten Laufbahn hatte.“
Gegenseitige Hilfe bei Hausaufgaben
Viele von ihnen sind auf Gehhilfen angewiesen. Neben der Tafel und an den Tischen ist für die Rollatoren ausreichend Platz. Die meisten der Senior*innen leben inzwischen in eigenen Wohnungen. Der Weg zur vhs ist für sie nun weiter als von der nahegelegenen Sammelunterkunft. Dennoch sind Verspätungen äußerst selten. Sollte Romy Ruiz es einmal vergessen, erinnern die Teilnehmenden sie an die Hausaufgaben. Beim Bearbeiten unterstützen sie sich gegenseitig.
Romy Ruiz ist ihren Senior*innen über die Unterrichtsthemen hinaus eine große Unterstützung. Die Teilnehmenden sind überwiegend nicht mehr erwerbstätig und wollen wissen, ob sie hier in Deutschland von ihrer Rente leben können. Fragen rund um das deutsche Steuerrecht sind daher besonders interessant. Romy Ruiz hilft auch bei solchen Themen gerne weiter.
Am Unterricht, der werktags dreimal 45 Minuten umfasst, nehmen zwischen 22 und 24 Personen teil. Jeder Kurstag beginnt zunächst mit einer Wiederholung der wesentlichen Punkte aus dem vorangegangenen Termin. Die Altersspanne der Teilnehmenden ist recht groß. Die jüngste Teilnehmerin ist um die 50. Doch alle bringen viel Lebens- und Berufserfahrung mit und sind es gewohnt, systematisch zu lernen. Im EOK können sie Deutsch lernen ohne Zeit – und Prüfungsdruck – anders als im Integrationskurs. Das ist eine große Entlastung, weiß Romy Ruiz.
Teilnehmende teilen ihre Sorgen
Der Kurs ist für die Ukrainer*innen auch ein Ort der Begegnung und des Austauschs mit Menschen gleicher Herkunft, mit denen sie Erfahrungen und Sorgen teilen können. Mitunter gehen Nachrichten aus dem Kriegsgeschehen während des Unterrichts ein. Dann hilft es, von empathischen Menschen umgeben und nicht alleine zu sein.
An diesem Montag nach dem Osterwochenende erzählen die Teilnehmenden von Treffen im Familien- und Freundeskreis oder von Besuchen bei Verwandten in der Ukraine. Im Redefluss vermischen sich Deutsch und Ukrainisch, doch immer gibt es jemanden, der mit passenden Vokabeln aushelfen kann.
Geburtstage werden im Kurs gemeinsam gefeiert. Romy Ruiz sorgt dann für kleine Überraschungen, weil sie weiß, dass die Menschen in ihrem Kurs ansonsten kaum Geschenke erhalten. Ältere Menschen, die nicht mehr berufstätig sind, finden in einer neuen Umgebung nicht so leicht Anschluss. Auch das macht den diesen EOK für die Teilnehmenden so wertvoll.

